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Die wichtigste Voraussetzung für die Konfliktbewältigung mit Kindern

Selin hat heute nach dem Mittagessen schon wieder nicht den Tisch sauber gemacht, obwohl gemeinsam besprochen wurde, wer diese Aufgabe lange nicht mehr gemacht hat und Selin sogar in den Prozess eingebunden war.  Sie ist jetzt aber genau wie die andern Kinder einfach aufgestanden und sofort nach draußen in den Garten gelaufen, ohne sich für den bereitgestellten Eimer zu interessieren. Die Erzieherin Elena denkt sich: Typisch. Selin schafft es einfach nie sich an Regeln zu halten, sie ist total verwöhnt und bekommt einfach nie Konsequenzen zu spüren.  Elena läuft Selin hinterher und ruft: „Selin, du hast Tischdienst, komm sofort wieder rein, sonst gibt’s gleich richtig Ärger.“  Selin dreht sich kurz um und verschwindet dann hinter dem Klettergerüst. Elena wird wütend. Es kann doch nicht sein, dass dieses Kind einfach nicht auf mich hört. Sie läuft zum Klettergerüst, beugt sich über Selin und sagt: „Selin es reicht mir mit deinem Benehmen. Komm jetzt sofort rein und ich sage das nicht nochmal! Ich muss nachher sowieso mal ein Wort mit deiner Mutter reden.“  Selin sackt auf den Boden und fängt an zu weinen. Elena sagt: „Du brauchst jetzt nicht weinen, du sollst einfach reinkommen und den Tisch sauber machen.“  Selin weint immer lauter, lässt sich dann aber von Elena in Richtung Gebäude schieben und wischt mit einer Mischung aus Trauer, Wut und Angst den Tisch.  Elena ist erleichtert. Es hat geklappt.  Selin ist fertig und Elena sagt: „Siehst du, geht doch. Mach es doch nicht immer so schwer. Mit deiner Mama rede ich trotzdem noch, das kann ja nicht immer so ein Theater sein.“ 

In der Abholsituation findet tatsächlich ein kurzes Gespräch zwischen Elena und Selins Mutter statt, in der Elena sie auf Selins Fehlverhalten aufmerksam macht und darum bittet, zuhause konsequenter zu sein.

Am nächsten Tag ist die Stimmung zwischen Elena und Selin kühl. Selin sagt nicht guten Morgen und Elena hat den Eindruck, sie sei zu den anderen Mitarbeitenden besonders freundlich. Klar, jetzt ist sie beleidigt, weil sie gestern ausnahmsweise nicht ihren Willen durchsetzen konnte. Elena spricht ihre Kolleg:innen darauf an und fragt, ob sie dasselbe wahrnehmen. „Ja, kann schon sein.“  Im Laufe des Tages kommt Selin immer wieder in Elenas Nähe, sucht verstohlen den Blickkontakt und beginnt in den Momenten, in denen Elena schaut kleine Streitereien mit anderen Kindern. Elena denkt Das kann doch nicht wahr sein, dass sie mich jetzt so provoziert. Sie kommt einfach nicht damit zurecht, dass ich ihr Fehlverhalten nicht durchgehen lasse. Aber sie wird schon noch verstehen, dass sie sich hier an Regeln halten soll, ich bekomme das hin.

In diesem Beispiel laufen eine ganze Menge Prozesse ab, die sich vor allem im Kopf der Erzieherin Elena abspielen. Es wird deutlich, dass sie den Druck verspürt, Selin dazu zu bringen, das zu tun, was von ihr verlangt wird.  Vielleicht kennst Du solche Situationen aus der Praxis und vielleicht weißt Du auch wie es sich anfühlt, den Stress zu spüren, den Elena in dem Moment spürte, als Selin einfach vor ihr weg lief. Ich muss jetzt eine Lösung finden. Zum Ende hin scheint das gesamte Problem noch nicht gelöst zu sein, Selin hat aber immerhin gemacht, was Elena von ihr wollte und Elena verbucht das als einen kleinen Erfolg. Das beleidigte Verhalten am nächsten Tag interpretiert Elena als Folge der erfolgreichen Maßnahmen am Vortag und auch das scheint für sie ein Schritt in die richtige Richtung zu sein. 

Es wird deutlich, was in der Praxis immer und immer wieder zu beobachten ist: Die Fachkräfte und die Kinder scheinen immer gegeneinander zu „kämpfen“ und nie miteinander. Elena ist gar nicht in der Lage zu erkennen, dass Selin durch die kleinen initiierten Streitereien in ihrem Blickfeld den Kontakt zu ihr sucht und überprüfen möchte, wie das Verhältnis nach den Konflikten am Vortag heute ist. Sie sieht sich selbst in der Position Selin etwas beibringen zu müssen und ihr unerwünschte Verhaltensweisen abzugewöhnen, so dass sie sich nur auf die einzelnen Vorfälle konzentriert und den Gesamtkontext aus den Augen verliert.  Die beiden stecken seit dem Mittagessen am Vortag GEMEINSAM in dieser Dynamik fest. Auf BEIDEN Seiten wird das Verhalten der anderen Seite interpretiert, BEIDE Seiten fühlen sich vermutlich nicht wohl und BEIDE Seiten versuchen aus der subjektiven Perspektive heraus Lösungen zu suchen und wenden so jeweils kleine Taktiken an, um diese Lösungen zu erreichen.  Da Elena die Fachkraft ist und da es ihre Aufgabe ist, in solchen Situationen professionell zu handeln, ist es ihre Aufgabe Selin das zu vermitteln. Statt am nächsten Tag also Selins Verhalten persönlich zu nehmen und es mit dem Team zu besprechen könnte sie beispielsweise auf Selin zugehen und sagen:  „Mensch Selin, das war ja gestern vielleicht eine blöde Situation, oder? Ich fand es nicht schön, dass wir so aneinandergeraten sind. Ich freue mich, dass du heute wieder hier bist und dass wir einen schönen Tag zusammen haben.“ 

Auch pädagogische Fachkräfte sind Menschen mit Emotionen und es soll in keinem Fall verlangt werden, dass sie immer perfekt agieren. Es sollte aber klar sein, dass man sich auch als Fachkraft bspw. durchaus bei Kindern entschuldigen kann, wenn Situationen aus dem Ruder laufen.  Eine Entschuldigung ist kein Verlust von Autorität sie ist ein Gewinn an Beziehung.  Die Vorstellung, man selbst stehe auf einer Seite und das Kind stehe auf der anderen Seite, kann kaum zu einer Konfliktlösung führen, die für alle Beteiligten befriedigend ist.  Stattdessen ist die Vorstellung, GEMEINSAM mit dem Kind durch diese Situation zu gehen und auch GEMEINSAM mit dem Kind zu lernen die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Konfliktbewältigung. 

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