top of page

Geschlechtersensible Pädagogik

Was hat Geschlechtersensibilität eigentlich mit Bedürfnisorientierung zu tun?

Wenn ich erzähle, welche Themen meine Schwerpunkte sind, dann fällt die Geschlechtersensible Pädagogik irgendwie immer so ein Bisschen aus dem Schema. Das Motto meiner Arbeit, dass ich für mich irgendwann mal festgelegt habe, lautet: Glücklich sein & glückliche Kinder erziehen. Das heißt es geht um Bedürfnisorientierung – um die eigenen Bedürfnisse, die berücksichtigt werden sollten, um bedingungslos offen zu sein für die Bedürfnisse der Kinder. Wie bin ich jetzt auf die Geschlechtersensibilität gekommen und wie passt sie dazu?

Früher dachte ich Toleranz gegenüber den verschiedenen sexuellen Orientierungen, vielfältigen Lebensentwürfen etc. „reicht“. Ich dachte, wenn ich nicht urteile und es vielleicht sogar positiv bewerte, wenn Kinder mal „aus der Norm“ fallen, das heißt auf dem Schulhof nicht so aussehen wie alle anderen, dann bin ich doch total gut eingestellt.

In der Uni hatte ich dann das Seminar „Geschlecht ist Illusion“ und das war für mich totaler Quatsch, weil ich dachte: Na ja also beispielsweise können Frauen ja Kinder bekommen, das ist schon mal keine Illusion. Da ist ein Unterschied. Was die Menschen daraus machen, ist ihre individuelle Entscheidung, aber eine Illusion ist Geschlecht definitiv nicht. Was ich aber nicht verstanden hatte, war dass ich dabei nur das biologische Geschlecht im Kopf hatte – wobei wir ja auch da wissen, dass es nicht einfach nur Junge und Mädchen gibt. Es gibt Menschen, bei denen stimmt das biologische Geschlecht schichtweg nicht, weil es da nämlich noch das Soziale Geschlecht gibt. Den Begriff Gender und vor allem auch Doing Gender habe ich erst vor ein paar Jahren verstanden, als ich in der Schulsozialarbeit tätig war und mein Kollege und ich eine Weiterbildung zum Thema Gender besucht haben, um die Jungen – und Mädchen AGs vorbereiten und sinnvoll durchführen zu können. Doing Gender bedeutet, dass wir (unbewusste) Erwartungen an Menschen haben, die ihre Geschlechterzugehörigkeit betrifft und dass wir (unbewusst) die Erwartungen erfüllen wollen, die andere Menschen, abhängig von unserer Geschlechterzugehörigkeit, an uns haben – und das, ohne dass irgendetwas davon ausgesprochen wird.

Menschen bewerten sich ja sowieso permanent und dabei spielt auch die Geschlechterzugehörigkeit eine Rolle. Ist der Mensch, den ich hier vor mir habe ein Mann oder eine Frau? Was sagt das Äußere darüber aus? Verhält er oder sie sich denn typisch für das Geschlecht?  Ich habe bspw. schon gehört „Naja Hannah, eine richtige Frau verkauft ihr Hochzeitskleid nicht, aber das verstehst du nicht.“ Ein autistisches Mädchen, dessen Mutter wahnsinnig viel Wert auf ihr Äußeres legte, sagte mal zu mir: „Hannah ist nicht richtig Mädchen, weil sie benutzt viel zu wenig Make Up.“ Bei diesen Ewartungen wird der eigene Maßstab von „typisch“ angewendet, also die eigene Vorstellung von männlich und weiblich, die aus der eigenen Erfahrung und Beobachtung resultiert oder eben – wie im Fall des autistischen Mädchens – durch die Prägung von außen.

Jetzt sind diese Bewertungsprozesse vielleicht manchmal nervig, aber was ist denn das große Problem daran?  Erstens kann das Ganze leicht zur Diskriminierung werden, aber das ist für diese Stelle ein zu großes Thema. Was hat es mit der Bedürfnisorientierung zu tun? Menschen beginnen sich aufgrund der Erwartungen einzuschränken und stellen ihre Bedürfnisse zurück. Das heißt, sie handeln plötzlich nicht mehr als Mensch, als Individuum, sondern eben als Frau, Mann, Transgender usw.

Und dass Menschen eben genau das nicht tun, dass sie frei von diesen Erwartungen aufwachsen, andere Menschen nicht dahingehend beurteilen, aber sich vor allem selbst nicht beurteilen und ihre eigenen Bedürfnisse zunächst überhaupt herausfinden, ist für mich der Grund, weshalb die Geschlechtersensible Pädagogik für mich so immens wichtig ist.

Um die Problematik zu verdeutlichen, hier mein persönliches Beispiel: Ich bin gerne eine Frau, ich trage auch z.B. gerne Kleider usw. – total typisch also. Was ich aber überhaupt nicht habe, ist Lust darauf, meine Haare zu stylen. Es geht beim Waschen und Föhnen los, ich habe da weder Lust, noch Geduld, Spaß oder auch die notwendigen Skills. Wenn ich ein Mann wäre, dann würde ich mir meine Haare ganz kurz rasieren. Einfach aus Bequemlichkeit. Da ich aber eine Frau bin, hätte das eine andere Wirkung. Vielleicht würde man meinen, ich sei krank oder es wäre ein besonders deutliches Statement. Dabei habe ich einfach nur keine Lust. Natürlich KÖNNTE ich mir die Haare auch als Frau kurz rasieren, da mir die Konsequenzen aber unangenehm sind, mache ich es nicht. Ich entscheide hier also nicht als Individuum, sondern als Frau. Und diese Tatsache schränkt mich in meiner Entscheidung ein. Auch wenn es natürlich im Grunde die Möglichkeit gäbe. Das ist eben der Punkt, wenn Menschen sagen „Ja, aber er oder sie könnte ja…“ Ja, in der Theorie. Aber in der Praxis, die voll von Erwartungen, Vorurteilen etc. ist, ist das nicht so einfach. Da gehört häufig eine Menge Mut und Selbstbewusstsein dazu, um sich WIRKLICH so zu geben, wie man ist, vor allem wenn die wirkliche Identität eben nicht der Norm entspricht und wirklich seine eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren und zu erfüllen.

Und natürlich mag es auch total okay sein, alle Erwartungen zu erfüllen und allen Klischees zu entsprechen, wenn man das mag. Aber häufig hinterfragen Menschen das gar nicht, weil es eben vorgelebt und durch die Gesellschaft und die Medien vorgegeben wird. Ich persönlich finde es aber auch schwierig, die Verantwortung hier an die Medien oder die Gesellschaft abzuschieben. Doing Gender und damit die Ungleichbehandlung fängt bei uns selbst an. Es gab vor Kurzem einen Artikel, in dem stand, dass Frauen die Verliererinnen der Corona Pandemie sind, weil sie Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen müssen. Ich finde es unheimlich wichtig das zu erwähnen und die Rollenklischees zu hinterfragen. Aktuell geht es um die Debatte, ob Annalena Baerbock eine gute Kanzlerin sein kann, weil sie Kinder hat, während ihre männlichen Kollegen das nicht gefragt werden. Die Rollenerwartungen, die so tief in der Gesellschaft verwurzelt sind, sollten definitiv auch genau dort angesprochen und idealerweise aufgebrochen werden. Doch wir alle gehören eben auch zu dieser Gesellschaft und sollten deshalb bei uns beginnen. In der eigenen Beziehung beispielsweise. Denn auch wenn es wohl die Realität spiegelt, wurde von niemandem gesagt: Die Frauen müssen sich um die Kinderbetreuung kümmern. Klar, in Anbetracht der immer noch bestehenden finanziellen Ungleichheit ist das oft die sinnvolle Entscheidung, aber dennoch ist es immer wieder eine persönliche Entscheidung, wie das geregelt wird. Wenn man selbst davon überzeugt ist, dass die Kinderbetreuung bspw. Frauensache ist und sich nicht aktiv dagegen wehrt und damit also im ersten Schritt den einen Partner genau so in die Verantwortung zieht, trägt man das System meiner Meinung nach mit. Man reproduziert die Stereotype.

Versteh mich nicht falsch, es ist natürlich auch vollkommen okay, wenn die Kinderbetreuung hauptsächlich von der Frau übernommen wird, wenn das alle Beteiligten gut finden. Ich finde nur, es sollte immer wieder hinterfragt werden. Es sollte eben alle Möglichkeit geben und ich finde es wichtig, genau DAS bereits den kleinsten Kindern zu vermitteln.

Ich spreche immer davon, das Handlungsspektrum zu erweitern. Das heißt ihnen zu verdeutlichen, dass man sich eben nicht nur mit den typischen Dingen beschäftigen muss, sondern dass man bspw. spielen kann, was man möchte. Und da kommt eben die Pädagogik ins Spiel und außerdem der Punkt, dass Toleranz nicht reicht! Wenn einem Jungen in der Eingewöhnung zuerst die Bauecke gezeigt wird, dann wird ihm sein Handlungsspektrum implizit vorgegeben. Er nimmt auf, dass das der Ort ist, der für ihn da ist. Dass es für Dich trotzdem okay ist, wenn er mal in die Puppenecke geht, hilft ihm dabei nicht. Ihm hilft es, wenn er von Dir immer wieder „geschlechteruntypische“ Angebote bekommt und so für sich selbst herausfinden kann, womit er seine Zeit gerne verbringt. Wenn ein Junge nie einen rosafarbenen Pullover gesehen hat, wie soll er dann wissen, dass er gerne einen hätte?

Denn nochmal: Wir haben bspw. 5% Pilotinnen in der kommerziellen Luftfahrt, das ist ziemlich wenig. Es ist aber nicht so, dass eine Frau sich überlegt, sie würde gerne Pilotin werden und dann denkt „Ach Mist, das ist ein Männerberuf, ich werde doch Stewardess“. Tatsächlich ist es so, dass die Frau gar nicht AUF DIE IDEE KOMMT, Pilotin zu werden, weil ihr Handlungsspektrum durch die äußeren Erwartungen, die sie seit Jahren erlebt und spürt, so eingeschränkt ist. Sie hat bspw. in allen Bilderbüchern Piloten gesehen und deshalb ist diese Vorstellung total verankert. Es geht bei der geschlechtersensiblen Pädagogik also darum, aktiv zu werden und immer wieder allen Kindern alle Möglichkeiten zu bieten. Dazu gehört auch, wie die einzelnen Kinder angesprochen werden. Es ist nicht nur der Indianer, der keinen Schmerz kennt und das Mädchen, dass eher weinen darf. Es ist allein der Tonfall, mit dem Du die Kinder morgens begrüßt. So häufig wird die Stimme höher und die Art sensibler, wenn man einem kleinen Mädchen guten Morgen sagt, während man bei einem Jungen oft den „cooleren“ Ausdruck beobachtet.

Wenn Du Dich jetzt fragst, was Du tun kannst, um geschlechtersensibel zu arbeiten, dann ist die erste Antwort in jedem Fall: Beobachtung. Beobachte Deine eigenen unbewussten Erwartungen, beobachte Deinen Alltag, frage Dich wann die Zweigeschlechtigkeit eine Rolle spielt, reflektiere mit welchen Rollenklischees Du aufgewachsen bist und ziehe aus all dem Deine Schlüsse.

Und wenn Du dabei Unterstützung haben möchtest, dann schau Dir gerne meinen Online Kurs „Geschlechtersensible Pädagogik – Individualität statt Neutralität“ an und erhalte dort Reflexionsaufgaben und Handlungsideen für Deine Praxis.

8 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Commentaires


bottom of page